Konstantin Kleine

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Eine kleine Einführung in den libanesischen Straßenverkehr

August 31st, 2010 by Konstantin Kleine

Nachdem das Autofahren im Libanon mit dem, was man in mitteleuropäischen Städten unter dem Terminus Autofahren versteht, wenig gemein hat, möchte ich für den geneigten Leser eine kurze Einführung in den libanesischen Straßenverkehr geben.

Der Führerschein

Für eine aktive Teilnahme unabdingbare Voraussetzung ist der Besitz eines Führerscheins. Klingt schlimm, ist es aber garnicht. Ein Führerschein ist ein Stück Papier, das man bekommt, wenn man jemanden 7000LL (ungefähr 4 Euro) dafür bezahlt hat, einen Therorietest für einen zu schreiben & zu bestehen und erfolgreich demonstriert hat, das man in der Lage ist, den Motor eines Autos zu starten und das Fahrzeug etwa 10 Meter vorwärts zu bewegen. Da es genau einen Fragebogen für diesen Test gibt, erscheinen mit 7000LL fast etwas viel für den professionellen Testvertreter. Darüber hinaus ist es ratsam, sich von einem erfahreneren Verwandten in die hohe Kunst des Schaltens einweisen zu lassen, wenn man sich nicht gleich ein Automatikfahrzeug beschafft (mehr zum Fahrzeug unter -> Auto).

Die Hupe

Das wichtigste Teil eines Fahrzeuges ist die Hupe. Diese kann man unter anderem benutzen, um andere Autofahrer, Passanten oder Bewohner von nahestehenden Häusern zu grüßen, dem Unmut über die langsame Fahrweise des vorausfahrendem Fahrzeugs Ausdruck verleihen, an Kreuzungen die Vorfahrtsregeln klären (wer lauter hupt, hat Vorfahrt), im Dunklen auf die eigene Anwesenheit hinweisen wenn es für eine ausreichende Beleuchtung nicht mehr gereicht hat, Fußgänger davor warnen, die Fahrbahn zu betreten, die Aufmerksamkeit hübscher Passanten auf sich ziehen, potentiellen Fahrgästen die eigenen Dienste als Taxi- oder Busfahrer anzudienen (siehe auch -> Taxi) oder um sich die Langeweile zu vertreiben. Da immer irgendwer hupt, leidet allerdings die Effektivität der Hupe bei der Erfüllung dieser Aufgaben.

Das Auto

Das Auto ist idealerweise ein Mercedes. S-Klasse. Sonst so groß wie möglich. Möchte man etwas außergewöhnliches, geht ein 5er BMW. Oder Maserati. Ferrari hat einen Laden in der Innenstadt. Groß im kommen ist gerade Infiniti. Nach Auswertung meiner persönlichen Pannenstatistik würde ich allerdings von der Wahl eines Range Rovers der neuesten Generation abraten, deren Kühler vertragen die Hitze nicht. Kein Wunder, das das englische Empire so geschrumpft ist. Alte VW T1 gibt es noch eine ganze Menge, die gelten aber als uncool.

Lediglich sekundär ist die Funktionsfähigkeit des Autos, Grundregel: es wird gefahren, solange es noch irgendwie fährt und hupt (und ein Mercedes ist). Über Details wie fehlende Scheinwerfer, Stoßstangen und Motorhauben wird dabei großzügig hinweggesehen. Nachdem Sicherheitsgurte sowieso uncool bis nichtvorhanden sind, kann man die Kapazität der Fahrzeuge auch voll ausnutzen, eine Mercedeslimousine fasst doch locker 7 – 8 Personen, ein Hyundai Minivan als Schulbus gut 20 Kinder.

Die Straßennutzung

Eigentlich gilt im Libanon das Rechtsfahrgebot. Eigentlich. In der Realität wird da gefahren wo Platz ist. Das bedeutet auch, das man ohne großes Aufsehen zu erregen, mal eben einen paar hundert Meter auf der Autobahn zurückfahren kann, wenn das kürzer ist. Gut, irgendjemand wird hupen, aber das tun sie sowieso. Überholt wird rechts und links, im Gebirge werden Kurven prinzipiell geschnitten. Nur bei Militärkontrollen sollte man die für die eigene Fahrtrichtung vorgesehene Spur benutzen, die Soldaten werden sonst etwas ungemütlich.

Das Taxi

Besondere Regeln gelten für die Fahrt als Taxifahrer. Besonders wichtig: noch mehr hupen! Nochmals soll an dieser Stelle auf die Bedeutung hingewiesen, die ein Mercedes als Fahrzeug für diesen Beruf hat. Hat man einen Mercedes, ist alles gut, auch wenn er keine Sitzpolster mehr hat. Eine staatliche Lizenz drückt sich äußerlich in einem roten Kennzeichen aus, aber auch ohne kann man gut Touristen verschaukeln. Möchte man raus aus der Stadt und als Überlandtaxifahrer Ruhm und Ehre erlangen, ist ein Minibus, irgendwas japanisches mit vielen Sitzen, Fahrzeug der Wahl. Denn dann benötigt man einen Beifahrer, und der braucht auch einen Platz. Dessen Aufgabe ist es, bei jedem Stop, jeder roten Ampel und jedem noch so kleinen Stau, aus dem Fahrzeug zu springen und Fahrtgäste anzuwerben. Im Libanon scheint kaum jemand entschlossen, eine Reise zu unternehmen, wenn man nicht lautstark darauf hinwiese, das es doch die Möglichkeit gäbe, jetzt nach Tripolis zu fahren, und das so günstig, blieben wohl alle wo sie sind. Ein guter Beifahrer kann darüber hinaus noch zahlreiche Fremdsprachen, italienisch, englisch, deutsch, russisch, französisch und noch einige mehr, und kann so für die Fahrtgäste und den Fahrer dolmetschen. Außerdem hat man als Fahrer dann jemand, von dem man Zigaretten schnorren kann.

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5 responses so far ↓

  • 1 Nick C. Aug 31, 2010 at 19:08

    Spätestens bei “Gut, irgendjemand wird hupen, aber das tun sie sowieso.” bin ich in schallendes Gelächter ausgebrochen…

  • 2 Julia Sep 1, 2010 at 07:56

    Somit würde ich auf keinen Fall im Libanon fahren wollen. Da muss man ja Todesängste ausstehen, weil dort keiner wirklich ein Fahrzeug fahren kann.

  • 3 Janina Sep 1, 2010 at 12:29

    Erinnert mich stark an Indien – Licht wurde auch im Dunkeln nicht angemacht, um den entgegenkommenden Verkehr ja nicht zu blenden!

  • [...] http://konsi.net/?p=72 Darüber hinaus ist es ratsam, sich von einem erfahreneren Verwandten in die hohe Kunst des Schaltens einweisen zu lassen, wenn man sich nicht gleich ein Automatikfahrzeug beschafft (mehr zum Fahrzeug unter -> Auto ). Die Hupe … Nach Auswertung meiner persönlichen Pannenstatistik würde ich allerdings von der Wahl eines Range Rovers der neuesten Generation abraten, deren Kühler vertragen die Hitze nicht. Kein Wunder, das das englische Empire so geschrumpft ist. … [...]

  • [...] http://konsi.net/?p=72 Eine staatliche Lizenz drückt sich äußerlich in einem roten Kennzeichen aus, aber auch ohne kann man gut Touristen verschaukeln. Möchte man raus aus der Stadt und als Überlandtaxifahrer Ruhm und Ehre erlangen, ist ein Minibus, … [...]