22. August 2010
Ich war um 3 Uhr im Bett, Emre ist erst nach Sonnenaufgang von der psychodelischen Party zurückgekommen, so das es, als wir frühmorgens aufstehen, schon 11 Uhr ist. Wir beschließen, das es heute türkisches Frühstück geben soll. Nachdem Sallys Kühlschrank dafür denkbar schlecht gerüstet ist, machen sich Ali, Emre und ich auf den Weg in einen nahegelegenen Supermarkt. Langsam, das Thermometer hat die 40° schon wieder überschritten, jede Bewegung ist schweißtreibend. Erste Lektion für heute: Wenn es nicht gerade eine Autobahn ist, läuft man im Libanon nicht auf dem Bürgersteig, sondern mitten auf der Straße. Sonst hat ja auch keiner Grund zum hupen (sollte man zumindest meinen).
Im Supermarkt angekommen beginnt ein lustiges Ratespiel, welche türkische Spezialität sich hinter welchem arabischen Begriff auf der Verpackung verbergen könnte. Oliven sind ja noch an der abgebildeten Ware erkenntlich, aber wie unterscheidet man die verschiedenen Arten von Dickmilch (heißt die wirklich so?) voneinander, wenn schon beim ersten Übersetzungsschritt ins englische unklar bleibt, was genau gemeint ist? Die Inhaltsangabe – Milch –
ist nur bedingt hilfreich. An der Kasse stellt sich heraus, das wir das Gemüse nicht nur hätten eintüten sollen, sondern dabei auch wiegen. Die Begeisterung in der Schlange hinter uns steigert sich weiter ins unermessliche, als wir dann noch versuchen, erst mit türkischer Lira, dann mit zwei hier nicht akzeptierten EC-Karten zu bezahlen, bevor ich meine US-Dollar-Vorräte anbreche.
US-Dollar? Haben nicht die arabischen Staaten ein kleines Problemchen mit den USA? Anscheinend werden Geld und Politik hier streng getrennt, der US-Dollar ist im ganzen Libanon die mehr oder weniger offizielle Zweitwährung. In vielen Läden sind sogar die Preisangaben direkt in Dollar. Umrechnungskurs ist etwa 1500LL = 1US$, manche rechnen für Touristen mit 1000LL = 1US$. Selbst an den Geldautomaten kann man auswählen, ob man lieber Lira oder Dollar abheben möchte. Nur Travelercheques kennt hier niemand mehr, die nehme ich wohl wieder mit zurück nach Deutschland.
Zurück in der Wohnung macht sich Emre an die Präparation des Frühstücks, wobei schnell klar wird, das dass wohl selbst für ein Mittagessen sehr spät kommt. Erschwerend sind dabei neben der Hitze die Wasserversorgung, beziehungsweise die begrenzte Verfügbarkeit von fließendem oder Trinkwasser, und der stundenweise ausfallende Strom. Um drei Uhr können Sally, Emre, Ali, eine Dänin, die eigentlich ganz woanders wohnt, es dann gestern nicht mehr nach Hause geschafft hat, und ich schließlich essen. Zu meinem Glück unterscheidet sich türkisches Essen doch erheblich von griechischem (das ich gar nicht mag).
Der Ausblick von der Dachterrasse ist zwar nicht uninteressant, auch wenn das im Dunklen noch für umstürzend gehaltene Haus unspektakulär einfach schief gebaut ist, trotzdem will ich noch etwas mehr von Beirut sehen. Es hat 45°, als ich um 16 Uhr aufbreche. Um weiteren traumatischen Erfahrungen mit Taxifahrern vorerst aus dem Weg zu gehen, laufe ich. Grobe Richtung Westnordwest, irgendwo da muss Beirut Downtown sein.
Längere Strecken zu laufen ist in Beirut wohl eher ungewöhnlich. Nicht nur, das die Taxifahrer einen eindringlich zum Einsteigen auffordern, nein, auch normale Beirutis ohne rotes Kennzeichen stoppen mit quietschenden Reifen und fragen, ob wirklich alles ok ist. Ja, doch, alles ok, aber wissen sie, wo ich gerade bin? Mein Stadtplan hat fast keine Straßennamen, die Meinungen, wo ich sei, unterscheiden sich am gleichen Standort um einige Kilometer. Hm. Solange die Sonne irgendwie links von mir bleibt, laufe ich zumindest nicht in den Süden. Süden, so meint zumindest das Auswärtige Amt, bedeutet im Libanon immer Gefahr. Tripolis ist eher im Norden, aber trotzdem eine No-Go-Area.
Irgendwann, es mag eine Stunde vergangen sein, treffe ich auf eine größere Straße, die wirklich auf meinem Stadtplan ist. Und ich bin wirklich in Richtung Downtown gelaufen. Heureka! Sieg! Etwa gleichzeitig stelle ich fest, das man, wenn das Hemd erst einmal komplett durchgeschwitzt ist, auch keine Schweißflecken mehr sieht. Ein paarhundert Meter weiter kann ich zum ersten Mal die blaue Kuppel der neuen Moschee sehen. Da will ich hin. Dafür muss ich dreimal eine sechsspurige Straße queren. Gut, vielleicht sind es offiziell nur zwei Spuren je Richtung, genutzt werden mindestens doppelt so viele.
Auch wenn es eine Fußgängerampel gibt, wer hier auf grün wartet und dann hofft, einfach über die Straße laufen zu können, hat etwas nicht begriffen. So wie ich. Da es keine Haltelinien gibt, drängeln sich die Autos bei rot bis fast in den Gegenverkehr, für einen Fußgängerüberweg ist da kein Raum, wenn man sich vorsichtig um die Autos herumschlängelt, braucht man länger als eine Ampelphase und steht dann mitten im Verkehr. Bei der dritten Querung beobachte ich einige Beirutis, anscheinend hilft es, die Autofahrer anzubrüllen, um sich Platz zu verschaffen. Deutsche und französische Flüche bringen mich trotzdem nicht weiter, wahrscheinlich sieht man mir an, das ich niemanden gegen den Kühlergrill trete, nur weil ich nicht über die Straße gelassen werde.
Noch an einem Gebäude vorbei, das ein wenig wie ein gestrandetes U-Boot aussieht, und ich stehe fast direkt vor der Mohammed al-Amin-Moschee, der neuen Hauptmoschee Beiruts. Die ist enorm groß, hat blaue Kuppeln und mehr Minarette als die ganze Schweiz. Rechts der Moschee ist Rafik Hariri begraben, Held (?) des modernen Libanon seit seiner Ermordung (deren Aufklärung bis heute ein Politikum ist). Die Grabstätte ist stark bewacht, ein Panzer, einige Soldaten mit Maschinengewehr. Das bedeutet im Libanon immer auch keine Photos, sonst werden die Militärs sehr ungemütlich. Links der Moschee vermute ich, dem Lonely Planet blind vertrauend, eine Kreuzfahrerkirche aus Zeiten lange vor TUI namens St. George Cathedral. Da ist auch eine Kirche, allerdings vollständig eingerüstet und ohne Namensschild. Neben der Kirche steht schon wieder ein Panzer, hier ist ein Eingang in die abgeriegelte Innenstadt.
Beirut Downtown, Hariris Vermächtnis jenseits der Gesichts- und Taschenkontrolle, hat etwas gespenstisches. Die Straßen sind sauber, sehr sauber, es gibt keine Autos, niemand hupt, die Häuser sind durchaus auch ansehnlich, wenn auch ohne Patina, aber es wirkt, trotz vereinzelter Passanten, sehr leer. Als stände man direkt in einer Computersimulation. Wie es sich für eine vernünftige größenwahnsinnige Stadtplanung gehört, laufen alle Straßen in der Mitte am Place d’Etoile zusammen. Der glitzernde Uhrturm dort würde im vorweihnachtlichen New York nicht weiter auffallen. Ein richtig altes Gebäude gibt es hier auch. Der Lonely Planet spricht von einem restaurierten römischen Badehaus, “No Photos” steht am Eingang, verständlich, wer, außer Udo Jürgens, mag schon Photos von sich im Bademantel.
Innen sieht es aber gar nicht nach Badehaus aus. Holzbänke, Männer mit Bärten auf den Gemälden an Wand und Decke, verzierte Gewölbe und Kreuze, Kreuze mit Jesus überall. Das muss eine Kirche sein! Eine sehr schöne Kirche. Die Nachfrage beim freundlichen Kerzenanzünder bringt zutage, das es St. George Cathedral sein soll. Mit Kreuzfahrern hat die aber nichts zu tun. Uh. Wahrscheinlich arbeitet der Lonely Planet einfach nicht mit der aktuellsten Computersimulation.
Draußen ist es mittlerweile Nacht geworden, das passiert anscheinend jeden Abend um 19:30 Uhr mehr oder weniger plötzlich. Ohne Sonne sind die immer noch 40° etwas besser auszuhalten. Man kann nicht sagen, das es wirklich voll wäre in der Innenstadt, immerhin sind nun ein paar mehr Passanten unterwegs. Ein alter Mann sitzt auf dem Bordstein und erzählt einer gebannt lauschenden Gruppe von Kindern im besten Kindergartenalter Geschichten. Ich setze mich auf eine der modernen Bänke am Rande des Platzes, Reiseführer lesen.
Mit dem Libanon bin ich fast durch, fehlen nur noch ein paar No-Go-Areas, und ich schaue gerade einer Katze beim Mäusefangen zu als ich von links auf englisch gefragt werde, ob ich Katzen mag. Yeah, sure, umdrehen und feststellen, das mittlerweile eine ganze Großfamilie neben mir sitzt. Gefragt hat Marie, außerdem sind da noch ihr Bruder, eine Tante, eine Oma und ein paar Cousins und Onkel. Manchmal muss man Glück haben, meine Antwort verschafft mir nach einem kurzen Gespräch eine Einladung zum Abendessen am nächsten Tag, damit ich ihre Katzen kennen lernen kann. Um acht Uhr abends soll ich wieder hier am Sternenplatz sein. Thank you so much.
Heute ist acht Uhr schon lange vorbei, um kurz vor zehn verlasse ich die Bank, Marie, ihre Familie und Downtown nach Osten. Ich passiere Hugo Boss, Victorias Secret und einen Ferrari-Laden mit sicher zwanzig, fünfundzwanzig Ausstellungsstücken. Trotz des Preises von etwa dreissig durchschnittlichen Jahresgehältern fahren davon einige durch Beiruts Straßen. Rue Gouraud bildet die Hauptstraße vom oh-so-hip Gemmayzeh District. Sehr viele hippe Leute, sehr hippe Preise, wenn ich nicht mein Wochenbudget für ein Abendessen investieren möchte, bleibt mir nur ein Chicken-Wings-Palast. Vor jedem Restaurant bietet einem jemand an, das Auto zu parken, die Restaurants lehnen jede Verantwortung dafür aber strikt ab. Nachdem ich einen der (staubigen) Abstellplätze der Autoparker gesehen habe, bin ich mir sicher, die machen mit den Waschstraßenbetreibern gemeinsame Sache. Oder die wollen einfach auch mal eine Runde Mercedes fahren.
Drinnen beim Herrn der Hühnerflügel bestellt man durch ankreuzen auf einer englischen Speisekarte, bei meinem perfekten Arabisch nicht unpraktisch. Die Wartezeit, bis das Essen kommt, reicht für 20 Seiten Lonely Planet und ein bisschen Leute gucken durch das Schaufenster. Die Wings sind nicht schlecht, mein Highlight ist aber die frisch gemachte Minzlimonade. Die kommt zwar nicht in Dose oder Flasche, trotzdem trinke ich fast einen Liter. Nocheinmal 20 Seiten warten, bis die Rechnung kommt, dann breche ich wieder auf. Über ein paar dunkle Treppen, vorbei an Plattenbauten, Kriegsruinen und Villen aus der Kolonialzeit mit Palmengarten und eigenem Wachmann, dann stehe ich plötzlich vor dem Supermarkt, in dem wir am morgen eingekauft haben. Es ist ein Uhr morgens, als ich wieder auf Sallys Dachterrasse ankomme. Zehn Kilometer laufen in der Hitze machen müde, ich schaffe es gerade noch Hemd und Stiefel auszuziehen, bevor ich einschlafe.
3 responses so far ↓
Ich bin hin und weg. “Mehr Minarette als die ganze Schweiz” ist definitiv top – weiterschreiben!
Ein wunderschönes Foto …
“wahrscheinlich sieht man mir an, das ich niemanden gegen den Kühlergrill trete, nur weil ich nicht über die Straße gelassen werde.” lol